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“Ich sehe mein neues Album DYING FOR THE WORLD als eine Art Waffe gegen das Unheil”

Hammer 7/2002

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                        DER SCHWARZSEHER

Eins vorweg:HAMMER ist in der Tat ein Musik-Journal und keine politische Zeitschrift.Nur: Nicht immer lassen sich Kultur und Politik voneinander trennen - und das schon gar nicht, wenn der Gesprächspartner W.A.S.P.- Chefredakteur BLACKIE LAWLESS ist.

Blackie Lawless zählt zu jenen Musikern, die nicht mit geschlossenen Augen durch die Weltgeschichte spazieren. Mit scharfen Verstand analysierte und brandmarkte er in der Vergangenheit gesellschaftliche Missstände, die ihm sowohl in den USA als auch als prinzipiell globales Problem in die Augen stachen. Dabei entwickelte der Mann verblüffend prophetische Fähigkeiten, die partiell schwarzmalerisch erscheinen. Doch leider bestätigt die Realität oft Blackies düstere Visionen. Bestes Beispiel:”Locomotive Man” vom Vorgänger-Album UNHOLY TERROR...

Mit “Locomotive Man” hast du die Massaker in Littletown und jetzt am Erfurter Gutenberg-Gymnasium gedanklich vorweg genommen.

Ich hätte Hellseher werden sollen, nicht wahr? Aber wer sich einmal gründlich umschaut, wird mir zustimmen: Die Symptome im Vorfeld solcher Tragödien sind allgegenwärtig - sie müssen nur richtig gedeutet werden. In “Locomotive Man” beschreibe ich Kids, die unter den Entzug von Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Eltern leiden. Irgendwann ist das Maß voll. Dann nehmen sie sich diese Zuwendung:”Wenn ihr nicht bereit seit, mir diese Beachtung von euch aus zu schenken, zwinge ich euch, sie mir zuteil werden zu lassen - und wenn es das Letzte ist, was ich tue!”

Der Titel des neuen Albums DYING FOR THE WORLD impliziert, dass du dich diesmal vor allem mit den Exzessen des religiösen Fanatismus auseinander setzt.

Unter anderem. In der Bibel lautet eine Textzeile:”For what profit is it to a man, if he gains the whole world and loses his own soul?” Mit anderen Worten: Was nützt es, mir die Welt untertan zu machen, wenn ich dafür alles andere verliere? Viele Menschen geniessen ihr Leben nicht, sondern weihen oder opfern es sogar irgendwelchen abstrusen Ideen. Mir wurde das besonders deutlich, als ich Ende Oktober nach unserer US-Tour nach New York reiste und Ground Zero besichtigte: Was ist mit dieser unvorstellbaren Zerstörung und diesen Selbstmordattentaten gewonnen? Gar nichts! Allerdings: Die Ereignisse vom 11.September waren nicht allein ausschlaggebend für die Wahl dieses Titels.

Dennoch scheint dir “Hollow Ground” - diese Komposition entstand nach deiner Besichtigung des Trümmerfelds um das eingestürzte World Trade Center - besonders am Herzen zu liegen. Schließlich finden wir diese Nummer gleich in zwei Versionen auf DYING FOR THE WORLD.

Richtig. Neben dieser gigantischen und sinnlosen Zerstörung, die sich dort offenbart, litt ich die nächsten drei Tage unter dem beißenden Gestank, der mir sogar die Nahrungsaufnahme für eine Weile unmöglich machte. Hinzu kommt, dass ich in Staten Island aufgewachsen bin. Aus meinem Fenster genoss ich immer den imposanten Anblick der Skyline. Doch jetzt? Es ist nicht mehr so wie früher.

Wie beurteilst du die Außen- und Sicherheitspolitik eures Präsidenten in den letzten zehn Monaten?

Ich begrüße sie deswegen, weil zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg ein Präsident der Vereinigten Staaten klar die Feinde der Demokratie definierte: sämtliche Länder, die Terrorismus betreiben und unterstützen - allen voran Afghanistan und der Irak. Allerdings macht sich da ein schaler Beigeschmack breit, denn konsequenterweise müsste sich darunter auch Saudi-Arabien befinden: Das Gros der Terroristen vom 11.September waren Araber, und das Taliban- Regime stützte sich in erster Linie auf arabische Söldner, die übrigens unter den Afghanen selbst verhasst gewesen sind. Abgesehen davon werden dort die Menschenrechte ähnlich getreten wie bis zum Sturz der Taliban am Hindukusch. Frauen zum Beispiel dürfen bestimmte Berufe nicht ausüben - von der islamischen Shariah mal völlig abgesehen, die die barbarische Steinigung und das Abhacken von Gliedmaßen immer noch in ihrem Strafenkatalog vorsieht. Logisch: Unsere Administration beurteilt die Araber aus ökonomischen Beweggründen extren wohlwollend. Das enttäuscht mich ähnlich wie die verpasste Chance, vor zehn Jahren während des Golfkrieges dem Spuk im Irak kein Ende gemacht zu haben.

Jedenfalls stoßen die militärischen Maßnahmen, die die Bush- Administration bisher durchführte und insbesondere noch unter dem Banner des Kreuzzuges gegen den Terrorismus plant, nicht auf ungeteilte Zustimmung. Selbst hier in Deutschland nicht, wie diverse Proteste während des Berlin- Besuchs von Bush Mitte Mai zeigen.

Dabei wird zu gerne vergessen, dass die terroristische Gefahr die gesamte demokratische Welt bedroht. Genauso gut hätten statt des World Trade Centers auch der Tower in London, der Eiffelturm in Paris oder eben Deutschland die Zielscheiben sein können. Und es sind ja nicht nur Angriffe mit konventionellen Waffen: Diese Terroristen bereiten sich auf Anschläge mit chemischen und biologischen Waffen vor und basteln an der Atombombe. Wenn wir morgen noch so leben wollen wie heute, dürfen wir nicht tatenlos zusehen, wie sich diese Verbrecher sammeln, um uns erneut zu attakieren. Angriff ist nun mal die beste Verteidigung. Deswegen sehe ich mein Album auch als eine Art Waffe gegen das Unheil, und zwar nicht nur, weil ich versuche, damit die uns drohende reelle Gefahr zu verdeutlichen: Die US- Armee experimentiert mit Waffensystemen, die auf der panischen Wirkung von Schallwellen im Niederfrequenzbereich beruhen. Außerdem hat man ja schon während der Belagerung des panamaischen Ex- Diktators Noriega gesehen, welche Wirkung laute Rock-Musik besitzt: Damals wurde das Gebäude, in dem er sich verschanzt hatte, mit AC/DC- und Twisted Sister- Songs unentwegt “bombadiert”. Der Typ gab jedenfalls binnen Kürze völlig entnervt auf. Jetzt dachte ich mir: Okay, unsere Jungs liegen unter Umständen bald in ihren Schützengräben den Irakis gegenüber? Dann liefere ich ihnen den geeigneten Soundtrack, um den Gegner möglichst schnell mürbe zu “schießen”!

Ist an eine baldige Rückkehr deines langjährigen Komponisten- Partners Chris Holmes zu denken?

Wohl kaum. Mit ihm passierte das ,was viele Gitarristen durchmachen: Er entdeckte ein anderes Genre für sich: den Blues. Ich weiß noh nicht einmal, was er im Moment macht.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Unmittelbar nach den Interviews begebe ich mich wieder ins Studio: Zum einen will ich DYING FOR THE WORLD im DVD- fähigen 5.1- Dolby- Surround- Format neu abmischen, zum anderen erwäge ich , sämtliche Alben seit HEADLESS CHILDREN ebenfals auf diesen modernen Standard zu bringen.

Warum nicht mit den Veröffentlichungen davor?

Weil die Vorlagen nicht die dafür geeignete Qualität besitzen und die Alben noch einmal neu eingespielt werden müssten. Doch diese Zeit habe ich im Moment nicht, denn mir liegt ein weiteres Projekt am Herzen: der DYING FOR THE WORLD- Nachfolger. Ein Konzeptalbum, über dessen Inhalt ich allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht sprechen möchte.

                                                                                                                                                        ANDREAS SCHÖWE