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“Wir haben unser Haus in Malibu vor ca. drei Monaten verkauft, aber ich hatte mit dem neuen Besitzer ausgehandelt, dass wir das Studio noch eine Weile länger benutzen können. Aber diese Zeit ist nun ebenfalls abgelaufen. Ich bin also offiziell obdachlos, bis wir auf Tour gehen. Wahrscheinlich ziehen wir eh nach Arizona - von L.A. habe ich die Schnauze voll. Too many people, man!”
Wichtiger für den notorischen Einsiedler, als sich sein Fort Apache im Glutofen des Südwestens neu aufzubauen, ist dieser Tage allerdings der Release von “The Neon God”, einem ambitionierten, insgesamt 25 Songs umfassenden Konzeptwerk in zwei Akten (“Part One: The Rise” erscheint Ende April; Teil zwei steht für Ende Juni an), mit dem sich das W.A.S.P.- Mastermind wieder einmal einen Brocken aufgeladen hat, den sich die meisten Musiker nie im Leben - geschweige denn zweimal - antun würden.
“Es hat lange gedauert, bis ich wieder den Mut hatte. Die Grundidee selbst schwirrte mir schon bald zehn Jahre im Kopf herum. Aber es brauchte einfach seine Zeit, ehe ich mich mit dem Gedanken, ein weiteres Konzeptalbum anzugehen, überhaupt anfreunden konnte”, antwortete Blackie auf die Frage, warum er sich zwölf Jahre nach ´The Crimson Idol´erneut an ein solches Mammutprojekt wagt: “Es musste einfach erst mal eine gewisse Distanz zum Schmerz und Wahnsinn der Ídol´- Erfahrung da sein. Vor ungefähr drei Jahren war ich dann so weit und sagte mir: Okay,let´s do it again and see what happens. Ich fing dann mit dem eigentlichen Schreiben an.”
Vergleiche zwischen “The Neon God” und “The Crimson Idol” - für viele Fans auf alle Zeiten der ultimative Klassiker im W.A.S.P.- Katalog - sind dabei natürlich so gut wie vorprogrammiert.
“Dass es Vergleiche zu ´The Crimson Idol´geben wird, ist unvermeidbar, weil eben beides Konzeptalben sind - damit kann ich leben”,gibt sich Blackie gelassen. “Ich hoffe allerdings, dass sich die Leute die Scheibe ganz offen anhören, anstatt sich schon im Vornherein auf irgendwelche Vorstellungen zu versteifen. Ein paar Leute, die das Album bereits gehört haben und Ídol Part II´erwarteten, waren überrascht, denn das ist nicht der Fall. Wenn es Ähnlichkeiten gibt, dann ganz einfach, weil beide Alben aus derselben Feder stammen und man seinen Stil nicht so einfach abstreift. Ob ´The Neon God´musikalisch besser ist als Ídol´, kann ich nicht sagen - dafür bin ich momentan einfach noch zu nahe an allem dran. Aber eines weiß ich: Was die Storyidee betrifft, gibt es keinen Vergleich. ´The Neon God´ist ein viel größeres, umfangreicheres Unterfangen. das ist quasi ein Drehbuch, das darauf wartet, verfilmt zu werden.”
Zentraler Charakter in Blackies neuem Metal-Epic ist Jesse Slane, der als Achtjähriger von seiner drogensüchtigen Mutter in ein Waisenhaus abgeschoben und dort von der Nonne Sister Sadie sexuell missbraucht wird, temporär in einer Anstalt landet, schließlich Reißaus nimmt und als Drifter den Illusionisten und Magier Judah Magic kennen lernt, der ihn unter seine Fittiche nimmt, um schließlich zu einem Messias-ähnlichen Kultführer aufzusteigen. Anders als etwa ´The Crimson Idol- Held Jonathan Steel, in dem “etwa zehn Prozent” von Blackie stecken, ist Jesse Slane in keinster Weise ein Lawless-Alter-Ego.
“Nein, nein, ich hatte eine normale Kindheit”, stellt der Sänger klar. “Aber wenn man die historischen Gegenbeispiele zu Jesse Slane - wie etwa Hitler, Charles Manson oder was vor zehn Jahren in Waco/Texas mit David Koresh passiert ist - genauer betrachtet und ihre Persönlichkeiten studiert, haben sie alle eins gemeinsam: eine ähnliche Kindheit. Jesse musste ich erst als gleichermaßen gepeinigten wie sympathischen Charakter etablieren, damit er im zweiten Zteil von ´The Neon God´, wo er zum Anführer eines riesigen Kults wird, glaubhaft wirkt. Niemand, der eine normale Kindheit verlebt, wacht eines Tages auf und hat das Bedürfnis, den Leuten zu erzählen, er sei Gott in Menschenform.”
Gibt es etwas Spezifisches, das dich zur ´Neon God´- Storyline inspiriert hat?
“Nein, eigentlich nicht. Das Ganze basiert vielmehr auf einer Ansammlung von Ideen über einen längeren Zeitraum. Ich war mir allerdings gleich im Klaren, dass ich so ein Projekt nur noch einmal anpacke, wenn mir etwas einfällt, das vom inhaltlichen Konzept her weit über ´The Crimson Idol´hinausgeht. Es musste eine große Idee sein. Schließlich dachte ich mir: Was ist der eine Gedanke, den alle Menschen gleichermaßen mit sich herumtragen? Und die Fragen, die wir uns wahrscheinlich alle jeden Tag ein paar Mal stellen, lauten doch: Worum geht es hier eigentlich? Warum bin ich hier? Bedeutet mein Leben etwas? Bin ich ein guter oder ein schlechter Mensch? Die Fragen nach dem Warum und Wieso der menschlichen Existenz beschäftigen uns mehr als jeder andere Gedanke im Leben. Und genau diese Fragen stellt sich auch Jesse Slane immer wieder. Die erste Vocalline auf dem Album ist Jesse, wie er fragt: Óh tell me, my Lord - why am I here?´Natürlich gibt es keine Antwort auf diese Frage, aber wenn jemand ´The Neon God´hört und sich deswegen mal ein paar Sachen über sein eigenes Leben durch den Kopf gehen lässt, ist damit vielleicht schon etwas Gutes erreicht. Und das ist auch die eigentliche Idee dahinter - die Leute zum Nachdenken anzuregen, wo sie in ihrem eigenen Leben stehen.”
Musikalisch ist ´The Neon God´die wohl dynamischte W.A.S.P.- Scheibe seit langem. Neben akustischen Momenten überrascht Blackie dabei vor allem durch klassische Seventies -Vibes und Hammond -Orgel - Einsätze, wobei der Chef gleich selbst in die Tasten haut. Beim Instrumental - Intro zum Opener ´Wishing Well´ fühlt man sich fast unweigerlich an alte Uriah Heep oder Deep Purple erinnert.
“Cool - I love all that stuff”, freut sich Blackie. “Ich glaube, ich habe mich diesmal musikalisch bewusst dahin zurückentwickelt, wo ich ursprünglich herkomme. Mit Sachen wie Heep oder Purple bin ich schließlich aufgewachsen. es gibt auf dem Album auch eine Menge an Einflüssen aus den Sechzigern, und ich habe mir überlegt: So was habe ich schon ewig nicht mehr gehört - das macht eigentlich kaum noch jemand. Und ich stehe total drauf. Also, warum versuch ich´s nicht mal?”
Das Sixties-Flair kommt vor allem bei ´The Red Room Of The Rising Sun´, dem ungewöhnlichsten Stück des Albums, zum Ausdruck, wo Blackie wohl zum ersten Mal in der Geschichte von W.A.S.P. in farbige Psychedelia eintaucht.
“Ja,´Red Room...´hat diesen Anstrich. Ich wollte versuchen, den Hörer wirklich in diesen Raum zu versetzten. Wer die Story liest, stellt sich automatisch selbst vor, wie dieser Raum wohl aussehen mag, und die Musik tut ihr Übriges. All diese verschiedenen Farbtupfer tragen zur emotionalen Tiefe der Story bei. Das Tolle bei einem Konzeptalbum ist, dass man sich Freiheiten nehmen kann, die sonst nicht immer möglich sind. Ich kann mir vorstellen, dass gewisse Leute ein Stück wie ´Red Room...´von W.A.S.P. nicht unbedingt akzeptieren würden, wenn da keine Story wäre, in die es perfekt hineinpasst.”
Wer darauf hofft, dass W.A.S.P. ihren Neongott von A bis Z in 3-D zum Erleuchten bringen, wenn die Band Anfang Mai für sechs Wochen nach Europa übersetzt, wird sich laut Blackie allerdings vorerst noch gedulden müssen.
“Weil ´The Neon God´aus zwei Teilen besteht, gehen wir jetzt raus und spielen eine traditionelle Tour. Wir müssen einfach erst mal die Reaktionen auf das Album abwarten. Die Fans werden uns schon zu verstehen geben, was sie hören wollen, wenn wir Ende August nach Europa zurückkehren. Falls die Nachfrage da ist, werden wir ernsthaft überlegen, das Album komplett live zu präsentieren.”
Ein Konzeptwerk - und dazu ein Doppeldecker wie ´The Neon God´- schreit geradezu nach Enhanced-CD-Material, DVD-Boni und ähnlichem Futter.
“Wir werden auf jeden Fall eine ganze Menge filmen”, verspricht Blackie. “Leider ist keine Zeit, um ´Part One: The Rise´noch großartig mit irgendwelchen Extras auszustatten, aber wir werden eventuell später einen dritten Teil nachschieben, wo all dieser Stoff mit drauf sein wird. Vielleicht reicht´s noch, einen Teil davon auf ´Part Two´zu packen, aber vieles, was wir im Sinn hatten, wird sich erst mal nach hinten verschieben, um wenigstens ´Part One:The Rise´endlich veröffentlichen zu können. Anders geht´s einfach nicht, weil die Tour bereits gebucht und der Vorverkauf angelaufen ist.”
CHRIS LEIBUNDGUT |
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